Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit (Jg. 26, 1879) by Various
1879. Nº 10. October.
2797 words | Chapter 231
Wissenschaftliche Mittheilungen.
Mittelalterliches Thongefäss,
gefunden beim Umbau des alten Rathhauses zu Hannover.
(Mit einer Tafel).
Als im Jahre 1878 das alte Rathhaus in Hannover nach den Plänen des
Altmeisters Hase wie ein Phönix aus der Asche sich erhob, wurde in
einer Wand des Erdgeschosses durch Zufall ein Thongefäss gefunden,
welches durch seine originelle Form das Interesse aller, welche es
sahen, in hohem Grade erregte. Durch die Güte des Herrn Bauraths Hase
in zeitweiligem Besitz desselben, war ich dadurch in den Stand gesetzt,
dasselbe mit den in den Museen vorhandenen eingehend zu vergleichen;
es ergaben indessen diese Untersuchungen nur ein negatives Resultat.
So viele Museen ich zu diesem Zwecke besucht und wie sorgsam ich nach
einer analogen Form geforscht, es fand sich kein einziges Exemplar,
welches das Charakteristische desselben gezeigt hätte. Wenn sich nun
auch unter den vorhandenen Gefäßen keines befand, welches einen Anhalt
hätte bieten können, um die ehemalige Function des hier gefundenen zu
erkennen, so läßt sich doch aus der technischen Behandlungsweise mit
ziemlicher Sicherheit die Zeit bestimmen, der es angehört.
Wenn man aber in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts
unbedenklich alle unter und über der Erde gefundenen Thongefäße als
heidnisch betrachtete, so hat Dr. Wiggert das Verdienst, nachgewiesen
zu haben, dass ein unverkennbarer Unterschied bestehe zwischen
heidnischen und christlichen Thongefäßen, und daß die Mehrzahl der
in Fundamenten und Mauern alter Gebäude gefundenen Geschirre dem
christlichen Mittelalter angehöre.
In den „Neuen Mittheilungen aus dem Gebiete histor.-antiquar.
Forschungen“, herausgegeben vom Secretair des thüringisch-sächsischen
Vereins für Erforschung des vaterländischen Alterthums, Dr. K. Ed.
Förstemann, Band 1 (1834), Heft 2, S. 101-116, veröffentlichte Dr.
Wiggert einen Aufsatz, betitelt: „Hindeutungen auf den Unterschied
zwischen den irdenen Gefäßen des heidnischen Deutschlands und Gefäßen
des christlichen Mittelalters, auf vorgekommene Verwechslungen und auf
die Einmauerung solcher Gefäße in Kirchen“. In diesem Aufsatze weist
derselbe nach, daß „Gefäße aus dem vorchristlichen Deutschland, seien
es Aschengefäße oder Beigefäße -- höchst seltene Ausnahmen aus der
Fremde gebrachter Gefäße abgerechnet, -- sämmtlich ungebrannt sind,
daher in der feuchten Erde bröckelig, äußerlich nach Verschiedenheit
des Thones gelblich, grau oder schwarz, seltener schwarzblau, weiß
oder ziegelroth, viel häufiger matt, als mit einem glänzenden Ueberzug
von Graphit oder einem dunklen Schwarz, im Bruche (wenigstens nach
der Mitte desselben zu) mehr oder weniger schwarz und mit Sand und
Quarzkörnern und bindender Asche durchwirkt, nicht auf der Scheibe,
höchstens einer sehr unvollkommenen, vielmehr aus freier Hand,
in seltenen Fällen vielleicht mit Hülfe einer Form gemacht. Die
Verzierungen sind entweder mit dem Fingernagel hergestellt, oder mit
einer Art Stempel hineingedrückt, oder mit einem Stifte von Holz oder
Knochen, oder mit einem gekerbten Holze gezogen, oder mit einem
spitzen Eisen eingepunktet. Wären nun nur die Aschenurnen ungebrannt,
so könnte man annehmen, daß sie immer bei einem Leichenbrande erst
verfertigt und deshalb nicht gebrannt wären; aber auch die anderen
Gefäße, in denen man ganz deutlich abgenutzte Wirthschaftsgeräthe
erkennt, sind aus derselben Masse.
Genau davon zu sondern sind manche Gefäße aus dem christlichen
Mittelalter, namentlich des 12.-15., besonders aber des 13. und 14.
Jahrhunderts. Diese sind auf der Scheibe gedreht, von Masse außerhalb
und im Bruche blaugrau, seltener bräunlich, hart gebrannt, oft von sehr
dünnen Wänden, meist mit parallelen und oft sehr zahlreichen, dicht
aneinander schließenden Ringen versehen“.
Wenn auch Wiggerts Charakterisierung der heidnischen Gefäße nicht
vollkommen zutrifft, so gehört doch offenbar unser Gefäß zu den
mittelalterlichen. Es ist klingend hart gebrannt, auf der Scheibe
gedreht, von Masse außerhalb und im Bruche blaugrau, von dünnen Wänden
und mit dicht aneinander liegenden, parallelen Ringen versehen.
Somit würde die technische Behandlung den Ursprung desselben in das
christliche Mittelalter verweisen.
L. Hänselmann stellt uns in einem Aufsatze: „Die vergrabenen und
eingemauerten Geschirre des Mittelalters“ (Westermann’s Monatshefte
1877, Heft I, S. 393) eine Anzahl solcher Gefäße zusammen. Dieselben
sind entweder mit einem Fuße versehen, zum Hinstellen geeignet,
oder mit einem kugeligen oder kegeligen Boden. Erstere sind ihrer
Form nach leicht als Becher, Leuchter, Kannen u. s. w. zu erkennen,
während letztere als Kochgeschirre gedient haben mögen. Ferner kommen
noch Gefäße vor, welche an dem kugeligen Boden etwa 3-4 Cm. lange,
zapfenartige Füße zeigen, wie sie heute noch an eisernen Kochtöpfen auf
dem Lande, welche am Kesselhaken über dem Herdfeuer hängen, vorkommen.
Mit keinem dieser Geschirre hat unser Gefäß eine Aehnlichkeit, und
keinem Bedürfnisse des täglichen Lebens, zu welchen jene verwendet
worden sein mögen, kann dasselbe gedient haben. Das Befremdende und
zugleich Charakteristische daran ist der entschieden nach rückwärts
abstrebende Stiel, welcher seine Verwendung als Hausgeräth zu
vorerwähnten Zwecken, ganz abgesehen davon, daß das Ganze viel zu
winzig dazu ist, nicht zuläßt.
Wir bemerken an der Vorderseite einen Bruch, welcher auf das
Vorhandengewesensein eines Henkels oder eines andern Ansatzes schließen
läßt. Unter dieser Bruchstelle befindet sich ein Loch, welches nicht
zufällig, etwa erst durch die jetzt vorhandene Beschädigung entstanden,
sondern absichtlich in die noch weiche Masse hineingebohrt ist, was der
von außen nach innen gedrückte Thon beweist. Daraus ergibt sich, daß
an der Bruchstelle kein Henkel, sondern der Halter einer Tülle sich
befand, da das Loch unter einem Henkel nur als Oeffnung einer Tülle
einen Sinn gehabt hätte. Um den Bauch des Gefäßes laufen parallele
Ringe, welche auch unter der Tülle, unbekümmert um das Loch, sich
hinziehen. Der untere Theil, mit der Neigung sich zu einem kugeligen
Boden auszubilden, verlängert sich plötzlich zu einem Stiele, welcher
energisch nach rückwärts abstrebt. Der Umstand, daß die Ringe unter
der Bruchstelle hinlaufen, beweist, daß die Tülle für sich gefertigt
ist. Man hat also das Gefäß auf der Scheibe angefertigt und mit Ringen
versehen, den Stiel unten mit der Hand ausgebildet, welches die
unvollkommene Form zeigt, hat dann mit einem runden Stäbchen vorne
ein Loch durchgestoßen und die für sich gefertigte, durchbohrte Tülle
davor angebracht. Die unvollkommene Form des Ganzen zeigt, daß es beim
Brennen verdrückt ist.
Daß das Ganze nicht zum Aufbewahren einer Flüssigkeit gedient haben
kann, oder als Kochgeschirr benutzt wurde, ist klar; wol aber wird
man es als Beleuchtungsgegenstand, als Lampe verwendet haben. Man hat
zu dem Zwecke durch die Tülle einen Docht, und durch diesen oberhalb
der Tülle einen Stift gezogen, um das Niedergleiten des Dochtes zu
verhindern, hat dann den Bauch des Gefäßes mit Oel gefüllt und diese
so hergestellte Lampe mit dem Stiel in ein Loch der Wand oder in
einen an derselben befestigten Ring gesteckt, nach Art der alten
Fackelbeleuchtung. Die Dicke der Bruchstelle des Stiels läßt eine
solche Verlängerung wohl zu. Dasselbe Lampenmotiv wird noch heute
vielfach auf dem Lande, in Blech ausgeführt, verwendet, wo ihm dann ein
Fuß zum Stehen gegeben ist.
Daß in dem alten Rathhause nicht mehr Derartiges gefunden ist,
erklärt der Umstand, daß bei dem Umbau desselben an den vorhandenen
Wänden gar nichts geändert wurde. Dieses Gefäß ist nur durch einen
Zufall, nur dadurch, daß ein Arbeiter mit einem schweren Holze aus
Ungeschicklichkeit gegen die Wand stieß, zu Tage gefördert. Wohl ist
es auf den ersten Blick befremdend, daß nicht schon an anderen Orten
dergleichen Thonlampen, wenn anders solche im Gebrauche waren, sich
vorgefunden haben. Wenn wir aber bedenken, wie wenig von dem thönernen
Hausgeräthe unserer Altvorderen auf uns gekommen im Verhältniß zu der
Masse, die das damalige Bedürfniß erheischte, wenn man mit ziemlicher
Sicherheit annehmen kann, daß die Erde noch so manches derartige
Gefäß birgt, dessen Form uns neu und von dessen Gebrauch uns keine
Kunde geworden, so darf der Umstand, daß dieses Gefäß nur einmal
bisher vorkommt, uns nicht daran irre machen, daß wir es hier mit
einer thönernen Lampe aus dem christlichen Mittelalter zu thun haben.
War zu dieser Zeit die Beleuchtungsweise doch noch im allgemeinen
eine primitive, und war es doch nur dem Reichthume möglich, sich
schöngeformter Beleuchtungsgegenstände aus Metall zu bedienen, so
liegt ja der Gedanke nicht so fern, daß die Armen sich ihre Lampen,
gleich dem übrigen Hausgeräthe, aus Thon fertigten und sich dabei im
allgemeinen an die germanische Urnenform anlehnten. Leicht herzustellen
und nicht kostbar, brauchte man derselben nicht sorgsam zu achten, da
ja eine zerbrochene oder abgenutzte sich leicht und ohne große Kosten
durch eine neue ersetzen ließ.
Wie aber kam nun diese Lampe in die Mauer des alten Rathhauses? Schon
Wiggert glaubte den Brauch, Gefäße einzumauern, auf eine abergläubische
Handlung zurückführen zu müssen, welche Vermuthung ein Jahr später
(1835) durch Jacob Grimms deutsche Mythologie bestätigt wurde.
Es hatte die Alterthumsfreunde in eine nicht geringe Aufregung
versetzt, als bald hier, bald da, in Mauern und Fundamenten, bald
sichtbar, bald verdeckt, in Kirchen und Profanbauten, Thongefäße
gefunden wurden, welche theils aufrecht standen, theils lagen,
oder auch mit der Oeffnung nach unten gestellt, bald mit Asche,
Knochenresten oder Eierschalen, bald mit Sand gefüllt oder auch ganz
leer waren.
Man fragte sich nun immer wieder, was hatte das Einmauern überhaupt
zu bedeuten, da die abweichenden Lagen der Gefäße und die manchfachen
Dinge, mit denen sie gefüllt waren, viele und ganz verschiedene
Deutungen zuließen. Es waren ohne Zweifel heidnische Bräuche, welche
sich bis ins christliche Mittelalter fortgeerbt und christliche Deutung
erfahren, nachdem sie ihre ursprüngliche Bedeutung verloren hatten.
Jacob Grimm berichtet uns nur über das Einmauern überhaupt in seiner
„deutschen Mythologie“, daß man beim Bauen lebendige Thiere oder
auch Menschen mit in den Grund gemauert habe, um der Erde dafür ein
Opfer zu bringen, daß sie die Last auf sich dulde; man wähnte dem
Gebäude dadurch eine unerschütterliche Festigkeit zu verleihen, oder
sonstige Vortheile zu erreichen. Nach dänischer Ueberlieferung wird
unter den Altar ein Lamm eingemauert, damit derselbe unverrückt stehen
bleibe. Langes, gutes Wetter wird durch Einmauern eines Hahnes zuwege
gebracht. Bei Viehseuchen wird ein Stück der Herde unter die Stallthür
lebend begraben. Auf der Burg Liebenstein wurde ein lebendes Kind
eingemauert (Bechstein, thür. Sagenschatz 4, 157). In der Ringmauer
des Schlosses Reichenfels ist ebenfalls ein lebendes Kind eingemauert:
„ein hervorragender Stein bezeichnet die Stelle; wollte man ihn
herausreißen, würde die Mauer alsogleich zusammenstürzen“ (Jul.
Schmidt, p. 153).
Wir sehen an diesen Beispielen, welche Grimm nur neben vielen andern
anführt, wie der Aberglaube dunklen Mächten ein Sühnopfer brachte.
Fortschreitende Humanität ließ von Menschenopfern absehen, und man
mauerte dann symbolisch nur leere Särge ein (Spiels Archiv I, 160). Nur
vom Einmauern irdener Gefäße berichtet uns Grimm nichts. Daß dieselben
aber eingemauert sind und in diesem Sinne eingemauert sind, beweist
eine Stelle in Ariostos „Orlando furioso,“ auf welche uns Hänselmann
in seinem schon oben erwähnten Aufsatze aufmerksam macht. Im vierten
Gesange des rasenden Roland singt Ariost von einem Zauberschlosse in
den Pyrenäen, auf dem Atlas seinen Schützling Rudiger gefangen hält,
um ihn vor drohender Gefahr zu bergen. Bradamante folgt der Spur des
Geliebten; durch die Kraft eines Zauberringes von ihr besiegt, muß
Atlas seine Gefangenen freigeben, sein Werk zerstören. Diese Zerstörung
bewirkt er nun dadurch, daß er die Ollen, die Gefäße, die der Stein
birgt, zertrümmert. Von Hermann Kurz übersetzt, lautet diese Stelle:
„Die Schwelle ruht auf einem Felsenstollen,
Auf dem ein Talisman geschrieben stand;
Gefäße birgt der Stein, man nennt sie Ollen,
Sie rauchen stets von innerlichem Brand.
Zerbrochen läßt er sie zu Boden rollen,
Und öd’ auf einmal steht die Felsenwand:
Die Mauern und die Thürme sind geschwunden,
Als hätte nie sich hier ein Schloß befunden.“
Auch hier sehen wir, wie die Ollen das Bestehen des Schlosses bedingen.
Wo wir also solche Gefäße finden, sei es in den Fundamenten, sei es in
den Mauern selbst, werden wir es mit einem Bausegen zu thun haben.
Es war natürlich, als eine mildere Sitte Menschenopfer nicht mehr
zuließ, als man nur noch symbolisch leere Särge einmauerte, daß damit
auch bald das Einmauern lebender Thiere in Wegfall kommen mußte. Wie
man nun die geheimnißvollen Mächte sich eben so willfährig machte
mit symbolischen Menschenopfern, so genügte auch jetzt ein Theil
vom geschlachteten Thiere, also ein gewöhnliches Thieropfer, um den
Bau vor Schaden zu bewahren. Das Thieropfer, welches vorzugsweise
Krieger und Jäger darbrachten, galt als besonders kräftig, während der
Landmann Erzeugnisse des Feldes darbot. Es fiel also jetzt der alte
Brauch mit dem Speiseopfer zusammen; es war derselbe verallgemeinert
und hatte seinen speciellen Charakter verloren, und so war es denn
natürlich, daß das Opfer dann in den Gefäßen, die zur Zubereitung oder
Aufbewahrung von Speise und Trank dienten, dargebracht wurde. Dies
mußte dahin führen, daß die Wahl des zu Opfernden nicht mehr an einen
bestimmten Wunsch gebunden war, ja, daß man schließlich, ebenso wie
leere Särge, auch leere Gefäße einmauerte, ohne Rücksicht auf ihren
früheren Gebrauch. War man überzeugt, die Gunst geheimnißvoller Mächte
sich durch Einmauern leerer Särge zu erwerben, warum nicht auch durch
symbolisches Speiseopfer?
Es könnte befremden, wie diese heidnischen Bräuche sich bis ins 16.
Jahrhundert hinein erhalten konnten, was ja der Inhalt der aus dieser
Zeit stammenden Gefäße beweist, wenn es nicht bekannt wäre, daß noch
heute, in unserem 19. Jahrhundert, der Aberglaube und der Glaube an
heilkräftigen Zauber in so hohem Maße besteht, daß, beständen die
Hexengerichte noch zu Rechte, dieselben vollauf zu thun hätten.
Wie auf römischem Boden, als das Christenthum die alten Götter
verdrängte, heidnische und christliche Elemente sich mischten und
keines dem Einflusse des anderen sich ganz entziehen konnte, wie die
neuplatonische Schule, die eifrige Vertheidigerin des Heidenthums,
ihren Göttergestalten andere Gedanken unterlegte und die Vielheit auf
eine Einheit göttlichen Wesens zurückführte und somit ein christliches
Moment in sich aufnahm, wie anderseits den Christen der heidnische
Orpheus ein beliebtes Bild für Christus wurde, ohne daß eine ernstliche
Verwirrung auf religiösem Gebiete zu befürchten gewesen wäre, so mußten
auch die Bekehrer unserer heidnischen Vorfahren den Ansichten derselben
manche Concession machen. Wie es eine Concession an das Heidenthum
war, daß sie den Hahn als Wetterfahne auf Kirchthürmen gestatteten,
nur daß sie dem Gebrauche eine christliche Idee unterlegten, so
werden auch die Opferbräuche beim Bau mit in das Christenthum herüber
genommen sein und eine christliche Deutung erfahren haben. Damit mußte
dann der heidnische Sinn der Ceremonie bald schwinden, und sie konnte
sich leicht bis zur neuesten Zeit halten. Es war auch natürlich, daß
die Baumeister des Mittelalters nichts davon in ihren schriftlichen
Aufzeichnungen erwähnten, um nicht in den unliebsamen Geruch der
Zauberei zu kommen. Es waren auch wol nicht die Meister, sondern
die Maurergesellen, welche an dem Brauche festhielten. Hätte dieses
Einmauern von Gefäßen irgend welchen anderen, profanen Zwecken gedient,
so wäre dies sicher erwähnt. Wie tief noch heute der Aberglaube im
Volke wurzelt, mag der Umstand beweisen, daß bei einem Brückenbau zu
Halle, welcher 1843 vollendet wurde, die Leute wähnten, daß man eines
Kindes zum Einmauern in den Grund bedürfe (Jac. Grimm, Mythol. II, S.
956.)
Von diesen vermauerten Gefäßen machen eine Ausnahme diejenigen,
welche zum Zwecke des Isolierens vergraben sind, wie solche
vorgefunden wurden im Jahre 1869 beim Bau des neuen Gymnasiums zu
Wernigerode am Harz. Darüber berichtet Dr. Friedrich (Zeitschrift des
Harzvereins für Geschichte und Alterthumskunde, 21. Mai 1872): „Bei
den Ausschachtungen für die Grundmauern stieß man in einer Tiefe von
6-7′, zwischen Ueberresten von älteren Seitenmauern, auf einen 1-1/2″
dicken Gips-Estrich, der 5′-6′ breit war. Unter demselben standen
nun in regelmäßigen Reihen, dicht nebeneinander, mit der viereckigen
Mündung nach unten gekehrte Schmelztiegel (sog. Almeröder Tiegel) aus
graugelber, stark mit Sand gemischter Thonmasse, von 5″ Höhe und 3-1/2″
bis 4″ weiter Mündung. Je sieben bildeten eine Reihe, und es wurden
deren etwa 200 ausgehoben. Die Anlage setzte sich jedoch noch unter
das nicht ausgehobene Erdreich fort. Da der unter den Schmelztiegeln
befindliche Boden stark wasserhaltig war, so ist es wol keinem Zweifel
unterworfen, daß die Topfaufstellung zur Drainage (? Isolierung)
gedient hat.“
Mit Ausnahme derjenigen also, die offenbar zur Isolierung gedient
haben, kann man alle eingemauerten Gefäße als Weihgefäße betrachten,
welcher Gebrauch, aus dem Heidenthum mit herübergenommen, durch das
Christenthum eine andere Deutung erfuhr. Auf diesen Brauch ist auch
jedenfalls die noch heute oft vorkommende Sitte der Maurer, eine
Flasche einzumauern, zurückzuführen. Auf solchem beruhen die Beigaben
des Fundaments, das Fest der Grundsteinlegung, die Gleichenfeste, die
Richtfeste unserer Zeit, und es mögen diese Feste den Arbeitern nicht
weniger Veranlassung zur Festhaltung der Gebräuche gegeben haben, als
der Aberglaube.
Die Thongefäße, mit welchen zu Frankfurt a. M. am Eschenheimer Thurm
die Rüstlöcher zugesetzt sind, „um diese,“ nach A. v. Cohausen, „bei
späteren Arbeiten leicht wieder finden und öffnen zu können (Erbkam,
Zeitschrift für Bauwesen, Berlin 1868, S. 74), scheinen mir in erster
Linie durch Beobachtung jenes alten Brauchs dorthin gelangt zu
sein, und nur nebenbei hat man die Rüstlöcher als passende Stellen
dazu erwählt. Derselbe Brauch endlich ist es gewesen, welcher unser
Thongefäß Jahrhunderte lang, wahrscheinlich mit mehreren andern, in die
Mauer des alten Rathhauses zu Hannover gebannt hat, und sollte es einst
nöthig werden, das alte Rathhaus von Grund aus zu erneuern, was ein
gütiges Geschick noch lange Jahrhunderte verhüten möge, dann dürfte die
Sammlung christlich-germanischer Alterthümer um manches interessante
Stück vermehrt werden.
/Hannover./ /Reimers./
Luthers Tischgebete.
Daß Dr. Luther bei seiner Bibelübersetzung und bei der Abfassung seines
Katechismus (Enchiridion) die Mühe nicht gescheut hat, sich über die
Art und Weise zu orientieren, in welcher man vor ihm der Gemeinde
die Schätze der christlichen Religion auslegte und zueigen machte,
ist namentlich seit Joh. /Geffcken/: Der Bildercatechismus des
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