Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit (Jg. 26, 1879) by Various
1879. Nº 6. Juni.
1317 words | Chapter 142
Wissenschaftliche Mittheilungen.
Der Freibrief der Stadt Plauen vom J. 1388.
Die Stadt Plauen im Vogtlande, jetzt die fünftgrößte Stadt Sachsens,
wird urkundlich zuerst im J. 1122 als „/vicus/ Plawe“ erwähnt in
dem vom Bischof Dietrich I. von Naumburg ausgestellten Stiftungsbriefe
der St. Johanniskirche zu Plauen, welche von dem Grafen Adalbert von
Everstein, damals Herr des pagus Dobna, in jenem Jahre erbaut worden
ist.[213] Als „/ciuitas/ Plawe“ läßt sich Plauen bis jetzt zuerst
in einer Urkunde vom Palmsonntag 1276 nachweisen.[214] Schon 1224 wird
aber „der Vögte Schloß“ zu Plauen aufgeführt,[215] und im J. 1232 (10.
Mai) erscheint Henricus de Wida (Weida), des Kaisers Friedrich II.
Feldhauptmann und Reichsvogt, -- als „dominus de Plawe“; zu gleicher
Zeit sein Sohn Heinrich (II?) als „advocatus de Plawe“.[216] Auf welche
Weise die Herren von Weida in den Besitz Plauens unter der Lehenshoheit
der Eversteine gelangt sind, ist noch nicht bekannt, ebensowenig genau
das Jahr, bis zu welchem die Eversteine die lehnsherrlichen Rechte
ausübten; (sicher noch bis 1278). Zu Anfang des 14. Jahrh. müssen die
Vögte im völligen, freien Besitze der Stadt und Herrschaft Plauen
gewesen sein; denn am 16. März 1327 trugen Heinrich der Aeltere (IV?,
von Limmer „der Kluge“ genannt[217] und sein Sohn ihre Herrschaft
Plauen mit allem Zubehör, namentlich den Vesten und Schlössern Liebau,
Johannsgrün, Schöneck, Planschwitz, Stein, Tirbel und Gattendorf, dem
Könige Johann von Böhmen freiwillig zu Lehen auf, um sich gegen die
fühlbar werdende Uebermacht der Markgrafen von Meißen und Landgrafen
von Thüringen besser zu schützen.[218] Der Sohn und Nachfolger König
Johanns, Kaiser Karl IV., erklärte 1356 (Reichstag zu Metz) die
Herrschaft Plauen für ein /erbliches/ Lehen der Krone Böhmen,[219]
und so verblieb Plauen unter dieser Lehenshoheit bis 1466. Im Laufe
dieses Zeitraums entwickelte sich die Stadt in erfreulichster Weise.
Von ganz besonderer Wichtigkeit für diese Entwickelung war das
Privilegium, welches in der zweiten Hälfte des 14. Jahrh. der Stadt
verliehen wurde, das Privilegium der völlig freien Gütervererbung und
der Freizügigkeit ihrer Einwohner.[220] Nach Herm. Fiedler[221] soll
schon 1368 von Vogt Heinrich V. ein solches Privilegium ertheilt worden
sein; ich habe jedoch die urkundliche Unterlage für diese Aufstellung
bis jetzt noch nicht finden können. Wohl aber enthält ein altes,
Fiedlern unbekannt gebliebenes Stadtbuch der hiesigen Rathsbibliothek,
welches am 23. Nov. 1388 im Auftrage des Bürgermeisters und der
Rathsherren Plauens von „Fridericus Eybanger de Nurnberg Magister
septem art. liberal. necnon Rector scolarium ac prothonotarius opidi
plawe“ angelegt worden ist, u. a. auf seinem viertletzten Blatte
eine Abschrift einer von Vogt Heinrich VI. (? dem „Unvergeßlichen“)
ausgestellten „litera libertatum domini nostri de plawe data Ciuitati“
vom Montag vor Tiburtius und Valerianus (14. April), d. i. vom 13.
April, 1388. Da dieselbe bis jetzt nirgends publiciert ist und nicht
blos von localem Interesse sein dürfte, so erlaube ich mir, sie
nachstehend zu allgemeiner Kenntniß zu bringen.
Wir Heinrich Voigt von plawe herre do selbens vnd alle vnsere erben
bekennen vnd tun kunt offenlich an disem gegenwertigem brif vnd wollen
daz ez wiszenlich sey allen den dy yn sehent horent oder lesen daz wir
mit gutem willen vnd mit Rate vnsrer getrewen manne lyhen[222] vnd
gelyhen haben czu rechtem erbe vnsern getrewen burgern gemeynclich der
Stat zu plawe vnd allen yren nachkumlyngen vnd allen yren mitburgern
vor der Stat vnd yn der Stat alle yre guͤte czu ersterben[223]
vff dy nehsten frundt wer sich der nehste czu der sibpe gezihen[224]
mag oder wem ers mit gutem willen bescheidet ez sey frawe oder man
junchfrawe oder knecht der sich in dy sibpe gezuhet.[225] Auch ist
mit namen[226] geredt worden ab[227] eyn man sturbe vnd sich eyn
auzwendiger[228] man zu den guten czuge[229] der der nehste were der
sibpe der schol dy gute vorvarn[230] vnd do von tun daz der selbe
vorgestorben man von den guͤten getan hat.
Auch ist geteydinget vnd geredt[231] welch man von vns varn wolle
der schol czu vns vrloube nemen vnd schol sich enbrechen[232] von
vns vnd von den vnsern wy recht ist so schullen wir yn lazen varen
vnbeschedigt. Noch mere ist geredt vnd wir sy [_die Plauenser_] auch do
mit begnadet haben welch man her zu vns zuhet der schol dy vorgescriben
recht haben dy vnser vorgenandten burger haben der do burger wirt vnd
Stat recht tut.
Diser vorgescriben rede sint gezewge vnd teydinger[233] gewest dise
erbarn lewte her jan Rabe, hentz Rabe, vlrich Sack, marquart von
milen, friderich von jhesnitz, heinrich Rosennitz, jan Tenner, otto
Roder, hans von Kospode, friderich von Kospode, Rudiger faseman vnd
der junge Cunrad Roder. Auch dez gezewge vnder den burgern von ersten
Cunrad von pirk zu der czeit burgermeister dornach heinrich Canis,
Albrechte von Theymen Tuͤrpos (?), Nikel Augenlehtz, nikel meister
nikel Gruͤner, Ott Toltz, heinrich Tewfel, heinrich fritzschen dy zu
der czeit an dem Rat gewest seyn vnd daz wir dise vorbescribene rede
vnvorbrochen stete vnd gantz halden wollen henge wir vnsere jnsigel
an disen vnsern offen brife der ist gegeben nach gotes geburt Tausent
jar dryhundert jar darnach in dem achten vnd achtzigstem jar an dem
nechsten montag vor Sancti Tyburcij et valeriani tage der heiligen
marterer.
/Plauen/ i. V. /Joh. Müller./
FUSSNOTEN:
[213: C. P. /Lepsius/, Gesch. d. Bischöfe d. Hochstiftes Naumburg. I.
Th. (1846), S. 238.]
[214: /Lobensteiner/ Intelligenzblatt v. 1792, S. 168. -- In derselben
Urkunde begegnen wir zum ersten Male einem „/commendator/ domus
teutonice in Plawe“, Namens Heinrich. Das Deutschordenshaus läßt sich
schon 1238 in Plauen nachweisen.]
[215: W. /Tittmann/, Gesch. Heinrichs d. Erlauchten. (Dresden, 1845) I,
233.]
[216: In dem Diplom, durch welches Kaiser Friedrich die beiden Herren
mit der Bergwerks- und Münzgerechtigkeit in ihrem Herrschaftsgebiete
belehnt, abgedruckt bei Pet. /Beckler/, Stemma Ruthenorum,
Reußisch-Plauische Stammtafel (1684), S. 97.]
[217: Die Zählung und Bezeichnung der Heinriche von Plauen differiert
bei den Forschern Limmer (Gesch. d. Vogtl. 4 Bde.), Majer (Chronik
d. fürstl. Hauses der Reussen v. Plauen. Weimar, 1811), Wenk (Vogtl.
Krieg, 1877), Cohn (Stammtafeln z. Gesch. der Europäisch. Staaten I)
ungemein. Ich halte mich zunächst an die handschriftl. Aufzeichnungen
des im vorigen Jahre verstorbenen Chronisten Plauens, Mag. Herm.
Fiedler (Verf. der Schriften: Die Stadt Plauen i. Vogtl. 1874. Beiträge
zur Gesch. v. Plauen, 1876), der wohl bis jetzt die beste Kenntniß über
die Vögte Plauens besessen hat.]
[218: /Majer/, a. a. O. 64. J. G. /Jahn/, Gesch. d. Sächs. Vogtlandes
(Oelsnitz, 1863), S. 33, wo ein freilich nicht kritisch genauer Abdruck
der Urkunde gegeben wird.]
[219: Urkunde „Dat. Metis 1356 feria secunda ante diem b. Luciae Virg.“]
[220: Zu den drückendsten Beschwerden, welchen /namentlich die hörigen/
Einwohner und Handwerker unterworfen waren, gehörte das sogenannte
/Budtheil/ (biondella, domuncula) oder Hauptrecht, nach welchem kein
Familienhaupt über sein Hab und Gut testamentarisch verfügen konnte,
da es dem Vogte oder Leibherrn zustand, von den beweglichen Gütern des
Verstorbenen sich anzueignen, was ihm eben gefiel. Vgl. /M. B. Lindau/,
Gesch. d. Haupt- und Residenzstadt Dresden (1859) I, 65 f.]
[221: Die Stadt Plauen, S. 12.]
[222: verleihen.]
[223: vererben.]
[224: wer als der nächste zur Blutsverwandtschaft gehören mag.]
[225: mit der Sippe zusammengehört.]
[226: namentlich.]
[227: ob, wenn.]
[228: auswärtiger.]
[229: das Gut vor Gericht als sein eigen nachweise, auf dasselbe
Anspruch mache.]
[230: verwahren (?).]
[231: gerichtlich verhandelt und verabredet.]
[232: entbrechen, d. i. befreien, losmachen.]
[233: Zeugen und Sachwalter.]
Lateinische Verse
aus einer Münchener Handschrift des 14. Jahrh.
Auf dem letzten Blatte (92b) des Cod. lat. Monac. 4350 aus St. Ulrich
und Afra stehen folgende Verse gegen die Bettelmönche:
Fratres currentes per mundum dona petentes
Sunt cunctas gentes in mundo decipientes.
Quosdam ligentes (_sic_), quosdam pugunt (_sic_) quasi sentes
Et quasi serpentes acuunt ligwas quoque dentes,
Ut sint rodentes comedentes atque bibentes,
Ventres implentes, dominabus sicque placentes,
Omnia colentes, mendaciter semper agentes.
Car infelices monachi faciunt meretrices
Sanctas ancillas, quoniam supponitis illas.
O turpes fratres, vos curritis per civitates
Et mendicatis universaque rogatis,
Ova, frumentum, sagimen, caseos centum,
Nummos pro panno, tamen hoc fit quater in anno.
Auf dieses in Form und Inhalt gleich mangelhafte und nur als
Stimmungszeugnisß zu beachtende Stück folgt ein etwas besseres
Frühlingslied:
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